Fleisch zu Fleisch

Ein Schlachthof, zum Glop-Konzern gehörend, Chef ist der Philosoph Auguste Bacon, dessen Theorien die Gesellschaft revolutioniert haben. In seinem Hauptwerk findet sich der Kernsatz: «Irren ist menschlich. Wenn wir das Irren abschaffen wollen, dann müssen wir den Menschen abschaffen.» Folgerichtig werden im Schlachthof auch keine Tiere, sondern Menschen geschlachtet. Aber nicht irgendwelche Menschen, nein, Auguste Bacon achtet auf die Qualität der – wohlgemerkt freiwilligen –  Kandidaten.

Eines Tages schneit eine junge Frau herein und reklamiert Bacons Büro als ihren neuen Arbeitsplatz. Der Glop-Konzern hat das Kultusministerium übernommen und verteilt dessen Mitarbeiter auf andere «Produktions-Orte».

Als phantasievolle Kritik am Kapitalismus kann man Steiningers Hörspiel verstehen oder auch als tiefschwarze Farce auf den Perfektionswahn unserer Zeit, der Euthanasiebestrebungen im Schlepptau führt. Wie dem auch sei, das Hörspiel regt an, sich über die heutigen Wertvorstellungen Gedanken zu machen, aber konservierende Moralinsäure wird man bei «Fleisch zu Fleisch» vergeblich erwarten.

«Le destin des viandes» («Fleisch zu Fleisch») wurde 2001 von der Société Genèvoise des Écrivains ausgezeichnet.

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