Scène 7

Um Stimmenvielfalt in der französischen Dramatik geht es auch in diesem siebten Band der Reihe Scène. Dass diese Stimmen so häufig von Autoren kommen, die eine Ausbildung und Arbeitserfahrung als Schauspieler, als Regisseure oder als (Theater-)Musiker haben, kennzeichnet nicht nur die Formen der zeitgenössischen französischen Dramatik, sondern auch die ihrer szenischen Umsetzung. So lässt sich Pauline Sales’ Grönland als eindrucksvolles Beispiel verstehen für eine Renaissance des Monologs als einem Phänomen heutiger Kommunikationssituationen. Radikal spielt Sales jene Variationen der Liebe durch, an deren überdimensionalen Anspruch die Angst zu scheitern nagt. Mutter-, Ehe- und Eigenliebe, alles vermischt sich im großen Aufbruch in jener Nacht, in der der Weg nach Hause irgendwie nach Grönland führen muss und doch quasi vor der Haustür endet.
Auch Denise Bonal definiert sich als Schauspielerin, die sie lange Jahre auf französischen Bühnen war: «Der schreibende Schauspieler weiß um die Bedeutsamkeit der Stimme, und ich schreibe meine Stücke im Hinblick auf eben diese Musik.» In Familienporträt klingt diese Musik meist furios, durchsetzt auch mit dunklem, drohendem Nachhall im Sinne einer schwarzen Komödie. Ihr Text zeichnet das Bild einer fragil konstruierten Zweckgemeinschaft Familie, die durch die Gegenwart einer Araberin vollends aus dem Lot gerät.
Auch Gilles Granouillets Die unglaubliche Reise ist eine bitterböse Komödie, die mit Witz und Leichtigkeit die kriminellen Phantasien und Geschäftsstrategien im globalen Wirtschafts- und Machtgefüge durchspielt. Dabei fabuliert Granouillet mit großer Lust eine kurios verwickelte Geschichte, in der die Konkurrenten an ihren eigenen Machenschaften scheitern.
In David Lescots Pleite, Anfang und Ende verbindet sich das wirtschaftliche mit dem persönlichen Scheitern. Ein hochverschuldeter Mann wird nach und nach auf ein Existenzminimum beschränkt, aus jedem sozialen Zusammenhalt herausgeschnitten und schrumpft auf einen letzten, gesellschaftlich sozusagen untragbaren menschlichen Kern zusammen – der allerdings mehr Widerstandskraft besitzt, als man denken sollte.
Während Lescot Sprache, Dialog und Aktion immer weiter zu einem Restsubstrat urbaner Kommunikationsformen einkocht, schöpft Daniel Danis aus der Ungezügeltheit einer völlig anderen Daseins- und Ausdrucksweise. In Zungenspiel der Felsenwände wuchert das Leben und Sprechen in aller Natürlichkeit. Rau sind die Wirklichkeit und Träume seiner Figuren auf der von Wind und Wetter umtobten Insel mitten im Fluss Saint-Laurent. Von weit her ragt die städtische Welt in Form orgiastischer Rave-Parties in die archaische Inselabgeschiedenheit hinein. Sie vernichtet kein Idyll, trägt aber Zerstörung und Tod in sich.

Lesung und Buchpremiere SCÈNE 22, 14. November 14 Uhr im Berliner Ensemble

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